Der Website ist tot cover image

Der Website ist tot

Alexander Rettke - 08-11-2019

business

Um die Beziehung vieler deutscher Unternehmen zum World Wide Web zu beschreiben, reicht die einfache Erkenntnis, dass wir gesellschaftlich einem eingebürgerten Übersetzungsfehler erlegen sind. Das amerikanische Wort "Website" heißt übersetzt nicht "Webseite", sondern ist vielmehr DER Standort im Web zu einem bestimmten Thema. Damit ist der gesamte Webauftritt gemeint. Eine "Webseite" ist somit nur ein kleiner Teil des Ganzen, eine einzelne Seite dieses Webauftritts, oder eben des Websites.

Und genauso teilrichtig wie den Begriff selbst, nimmt der deutsche Mittelstand Websites als strategisches Instrument häufig immer noch wahr. Als einen kleinen Teil, als Pflicht, nicht als Kür. Für viele Unternehmen sind Websites anteilig der strategischen Ausrichtigung und Wertschöpfungskette nicht mehr als ein notwendiges Übel. Ein weiteres Mittel zur Außendarstellung, eine Art weiterer Leistungskatalog, welchen man widerwillig online stellt. Es ist zu beobachten, dass manche Unternehmen insgesamt mehr mit dem im "Internet zur Schau stellen" als Teil narzistischer Selbstdarstellung hadern und weniger mit dem operativen Kalkül dahinter. Eine Sichtweise, die einerseits sehr deutsch und anderserseits seit mehr als einem Jahrzehnt überholt ist. Die Homepage ist im Übrigen nur die Startseite eines Websites, nicht das Ganze. Ein ähnlich flapsiger Jargon wie die Webseite.

Dabei hat sich der Website schon längst aus seinem Katalog/Onlineflyer-Dasein emporgehoben und ist heutzutage die Anlaufstelle geworden, über die moderne Unternehmen dezentral:

  • Kunden gewinnen und diese halten.

  • Komplementäre Services anbieten und verkaufen.

  • Prozesse abwicklen.

  • Mit externen Stakeholdern kommunizieren.

  • Partnerschaften organisieren und verwalten.

  • DSGVO-konform wertvolle Daten sammeln.

Der Website ist kein kleiner Teil mehr, er ist vielmehr strategischer Kern transformierter Geschäftsmodelle. Das große Ganze, kein Teil. Das sollten auch alle deutschen KMUs verstehen.

Erfolgreiche deutsche Beispiele gibt es geug: Ob Onlinebanken wie Comdirect und N26, welche komplett auf physikalische Standorte verzichten oder die Parfümerie Douglas GmbH, welche derzeit unter CEO Tina Müller eine regelrechte Transformation durchläuft. Es wurde ein eigener online Marktplatz geschaffen welcher als Plattform eine lückenlose Verzahnung strategischer Dienstleistungen online wie offline ermöglicht und dutzende andere Händler ihre Produkte feilbieten lässt.

Websites haben sich im letzten Jahrzent dramatisch weiterentwicklet und vervollständigen sich bei richtiger Umsetzung zu einem großen Ganzen. Jetzt muss sich nur noch die deutsche Sichtweise darauf anpassen. Da es manchmal einfacher ist, einen Neuanfang zu wagen als alte Fehler zu korrigieren gehen noch einen Schritt weiter und sprechen in diesem Zusammenhang grundsätzlich nur noch von Web-Plattformen. Der Website ist tot. Lange lebe die Plattform.